Schneewittchen von Wouter Berns ist ein eindringliches Werk des zeitgenössischen Surrealismus, das die klassische Märchenvorlage in eine psychologische Landschaft überführt. Im Zentrum liegt eine modern gekleidete Frau in tiefem Schlaf, eingebettet in eine sanfte, fast unwirklich leuchtende Hügelwelt. Die sieben Zwerge sind hier als hölzerne Gliederpuppen dargestellt, die wie autonome Fragmente des Unterbewusstseins wirken. Diese kleinen Figuren treten in eine stille, teils widersprüchliche Interaktion mit der Schlafenden: Während eine Figur behutsam am Kopfende wacht, scheint eine andere an der Hand die Frau mit einem groben Tritt aus ihrem Zustand zu reißen, während weitere im Hintergrund Anweisungen geben oder sich untereinander beratschlagen. Es entsteht eine dichte, traumartige Atmosphäre, in der die Grenzen zwischen Realität und innerer Projektion vollends verschwimmen.
In dieser surrealistischen Deutung repräsentieren die Gliederpuppen verschiedene, oft gegensätzliche Impulse des Unbewussten – jeder kleine Akteur verfolgt ein eigenes Ziel, während die Frau in passiver Ruhe verharrt. Die Gliederpuppe wird so zum Symbol für mechanische Regungen innerhalb der Psyche, die im Prozess des Erwachens erst geordnet werden müssen. Der Titel Schneewittchen bricht hier endgültig mit der Tradition: Das Bild verweigert die klassische Erzählung einer Rettung von außen. Berns zeigt eine Frau, die keinen Prinzen zur Erlösung benötigt. Der rettende Kuss wird obsolet, da die Klärung und das Erwachen als rein innerer Prozess dargestellt werden. Die Souveränität der Schlafenden liegt darin, dass sie die Auseinandersetzung mit ihren eigenen, hölzernen Fragmenten selbst führt und die Antwort in sich selbst trägt.