In dem Werk Venice erschafft Anna Snijder eine visuelle Meditation über die Vergänglichkeit. Stilistisch verbindet die Arbeit die atmosphärische Leuchtkraft aus dem Spätwerk von William Turner mit der modernen Rakeltechnik, wie sie von Gerhard Richter geprägt wurde. Snijder nutzt dieses Werkzeug, um pastose Flächen in Ocker und Sand architektonisch aufzubauen und sie anschließend durch mechanischen Abtrag wieder zu verschleiern, wodurch die Wirkung einer verwitterten, geschichtsträchtigen Fassade entsteht.
Die Struktur lebt von einem komplexen Sfumato-Effekt: Die nebligen weißen Zonen sind das Resultat eines physischen Wischprozesses, bei dem helle Farbe dünn über die feuchten Unterschichten gerakelt wurde. Dadurch entstehen diffuse Übergänge, die das Darunterliegende nur noch schemenhaft durchscheinen lassen. Feine, mit dem Pinsel gesetzte grafische Linien in Schwarz und kühlem Blau fungieren dabei als skelettartige Ankerpunkte, die an Masten oder die harten Schattenrisse venezianischer Kanäle erinnern.
Die Interpretation des Titels Venice weist auf die Schönheit des Morbiden hin. Das Bild fängt jene spezifische herbstliche Morgenstimmung ein, in der die feuchte Kälte des Winters bereits in der Luft liegt und der aufsteigende Nebel die Architektur in zeitlose Stille versetzt. Es ist ein Moment, in dem sich die massive Stadt und die flüchtige Witterung der Lagune Schicht für Schicht auf der Leinwand durchdringen.