Das Schweißtuch, gehalten von einem Engel (1516) von Albrecht Dürer zieht uns hinein in die dramatische Nacherzählung einer zentralen christlichen Geschichte. Das Schweißtuch, oder Veronikas Schweißtuch, ist der Schleier, mit dem die heilige Veronika das Gesicht Jesu auf dem Weg nach Golgatha abwischte. Der Legende nach wurde das Antlitz Christi wundersam in das Tuch eingeprägt – ein kraftvolles Symbol seines Leidens und Opfers.
Diese Radierung strahlt eine fiebrige Energie aus. Der Engel klagt, stürzt aus der Dunkelheit hervor und hält das heilige Schweißtuch, das im himmlischen Wind wie das Segel eines sturmgepeitschten Schiffs flattert. Dürers flüchtige, expressive Linien rufen eine dynamische Vision hervor – im Gegensatz zu seinem früheren Kupferstich Das Schweißtuch, von zwei Engeln gehalten (1513), der formaler und statischer wirkt. Hier scheint die Atmosphäre lebendig, erfüllt von Bewegung, Klage und himmlischer Erhabenheit.
Der Engel scheint sich von einer schattenhaften Gruppe zu lösen, die die Arma Christi trägt, was die Dramatik noch steigert. Dürers meisterhafte Anwendung von Hell-Dunkel verleiht Tiefe, betont das Gewand des Engels und die Unruhe der Umgebung. Dies ist nicht nur ein Bild, sondern eine tiefgründige Meditation über Glauben, Verlust und göttliches Geheimnis.